Der Thienemann-Verlag

 

Der neue Roman von Barbara Bollwahn – authentisch, spritzig und packend

"Der Klassenfeind + ich", das neue Buch von Barbara Bollwahn, erzählt aus der Sicht von Ramona, die in der DDR lebt. In ihrem Tagebuch hält sie fest, was sie erlebt und beschäftigt – vor allem, nachdem sie Jürgen aus dem Westen, dem Klassenfeind, begegnet. Der Leser des Romans, der in Tagebuch-Form geschrieben ist, erfährt eine Menge über den Alltag in der DDR, wie ihn ein sechzehnjähriges Mädchen erlebt hat – subjektiv, emotional, wie viele andere Mädchen ihres Alters auch. Das macht den Roman so authentisch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Es geht mir in meinem Buch nicht um Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß, sondern um eine realistische Vermittlung, wie die Menschen in der DDR gelebt haben, wie der Alltag für eine Jugendliche in den betreffenden Jahren ausgesehen hat. Weder soll die DDR auf das Ministerium für Staatssicherheit reduziert noch die Vergangenheit verklärt werden."
Barbara Bollwahn, Berlin 2007

Interview mit der Autorin Barbara Bollwahn:

Gab es Jürgen aus Nürnberg wirklich? Haben Sie noch Kontakt?
Ja, den Jürgen aus Nürnberg gab es wirklich. Und es gibt ihn noch immer. Wir haben uns auch auf die im Buch beschriebene Weise Anfang 1990 wieder getroffen. Nachdem er die von seiner Mutter versteckte Postkarte von mir gefunden hatte, kam er wenige Tage später nach Westberlin.

Haben Sie für das Buch Aspekte Ihrer Geschichte geändert?
Absolut authentisch ist die Liebesgeschichte mit Jürgen. Bei anderen Dingen ist es eine Mischung aus Realität und Fiktion. Der Torsten z.B., dieser ehemalige Beststudent in Marxismus-Leninismus, der nach seiner Exmatrikulation Lampen verkauft, den gibt es wirklich. Witzigerweise arbeitet er jetzt bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Ebenso Judy Lybke von der Galerie eigen + art ist eine reale Person. Komplett erfunden ist die beste Freundin der Protagonistin. Ebenso ihr Elternhaus. Die Geschichte mit dem Klebestift stammt aus meinem eigenen Elternhaus. Mein Vater, Allgemeinarzt auf dem Land und kein Parteimitglied, war in der Tat leidenschaftlicher Hobbyfotograf und wenn ihn ältere Patienten, die in den Westen reisen durften, fragten, was sie ihm mitbringen können, freute er sich immer über Klebestifte.

War Jürgen der Auslöser für Ihre ‚Rebellion' gegen die Politik der DDR?
Nein, der Auslöser war er nicht. Bevor ich Jürgen kennen gelernt habe, war ich schon gegen viele Dinge: gegen Bevormundung, gegen die fehlende Meinungs- und Reisefreiheit, gegen die ganze aufgezwungene Propaganda und Kollektivierung der Gesellschaft, die kaum eine individuelle Entwicklung zuließ. Die Begegnung mit Jürgen war eher der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und er stand natürlich auch für die Hoffnung meinerseits, durch eine Heirat mit ihm aus der DDR herauszukommen.

Bestimmte Tätigkeiten auf der Leipziger Messe, vor allem im Kontakt mit nichtsozialistischen Ländern, waren Parteimitgliedern vorbehalten. Sie konnten sich trotzdem hineinschmuggeln ...
Es waren total absurde, aber auch lustige Situationen: Auf das Messegelände ohne Ausweis zu gelangen, war gar nicht so schwer. Selbstbewusstes Auftreten reichte schon. Wenn ich dann einen Job gefunden hatte, habe ich mich, obwohl ich keinen offiziellen Vertrag hatte, nicht versteckt, wenn die schon aus der Ferne erkennbaren Stasispitzel vorbeispazierten, um nach dem Rechten zu sehen. Im Gegenteil. Ich habe dann besonders laut spanisch gesprochen und sie mit einem "Buenos días!" begrüßt, weil ich mir sicher war, dass sie sich dann niemals trauen würden, mich anzusprechen. So war es dann auch.

Ist Ihnen die Stasi nie auf die Schliche gekommen?
Einmal ja, aber nur fast. Ich hatte einem Mädchen aus meiner Seminargruppe auch einen von diesen illegalen Jobs am Stand von Spanien besorgt. Vorher hatte ich ihr eingeschärft, bloß kein Deutsch zu reden, wenn eine dieser verdächtigen Gestalten vorbeiläuft. Doch wie es so ist, einmal rutschte ihr ein deutsches Wort heraus, und zack, wollten zwei Herren unsere Arbeitsverträge sehen. Ich hatte wenige Monate zuvor eine Lizenz zum freiberuflichen Arbeiten als Dolmetscherin bekommen. Mir war klar, dass ich die Lizenz sofort verlieren würde, wenn der Schwindel auffliegt. Um den Schwindel zu decken, schwindelte ich erneut. Ich sagte den Herren in aller Freundlichkeit, dass wir keineswegs auf der Messe arbeiten, sondern dass wir Freundinnen von den Spaniern seien. Die Spanier, die die Brisanz der Situation sofort verstanden hatte, legten uns den Arm um die Schulter. Es blieb das unangenehme Gefühl, dass die Stasiherren dachten, wir gehörten zu den Frauen, die sich während der Messe Herren aus dem Westen an den Hals werfen, um Westgeld zu verdienen. Aber das war allemal besser, als die Lizenz zu verlieren. Und außerdem brachte es auch wieder ein Gefühl der Genugtuung, der Stasi ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Freunde und Bekannte von Ihnen reisten kurz vor der Wende aus. Sie sind geblieben. Warum?
Einen Ausreiseantrag hatte ich Mitte der 80er Jahre schon geschrieben, aber nie abgeschickt. Denn dann hätte ich mein Studium nicht zu Ende machen können. So hielt ich es für ratsam, zu Ende zu studieren und im Anschluss möglichst viele praktische Erfahrungen zu sammeln. Und je mehr eigene Nischen ich mir schuf, umso erträglicher, zumal temporär, wurde es. Hätte ich einen Ausreiseantrag gestellt, wäre ich beruflich total ins Abseits geraten und hätte im Westen bei Null anfangen müssen.

Zum Buch:
Der Klassenfeind + ich

Barbara Bollwahn, Jahrgang 1964, studierte in Leipzig Spanisch und Englisch. Nach dem Mauerfall dolmetschte sie für Journalisten aus Spanien und fand deren Beruf interessanter als ihren eigenen. Seitdem arbeitet sie als Journalistin und Reporterin bei der „taz“ und schreibt dort regelmäßig eine Ost-West-Kolumne. „Diese Kolumnen gefielen einem Lektor von Thienemann, so dass er mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Jugendroman zu schreiben. Ich nahm das Angebot sofort und begeistert an. Für Jugendliche zu schreiben, finde ich besonders reizvoll. So entstand Mond über Berlin, erzählt sie.
Für Der Klassenfeind + ich, ihren zweiten Jugendroman, hat sie sich auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit begeben und erzählt eine Ost-West-Liebesgeschichte über die Mauer hinweg. Der in Tagebuchform verfaßte Roman ist in großen Teilen autobiographisch. Ihre erste große Jugendliebe war ein Junge aus Franken.
Ihre Themen sind „alles, was mit dem Leben zu tun hat und Fragen wie ‚Wer bin ich?‘ oder ‚Was will ich?'“ Ganz wichtig ist ihr der Humor. Auch bei ernsten Themen. Deshalb lautet einer ihrer Lieblingssprüche: „Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist!“
Für ihre bisher erschienenen Romane konnte sie sich jeweils einige Monate in der Zeitungsredaktion frei nehmen. Zum Teil hat sie in einem Bergdorf im Tessin geschrieben, in einem jahrhundertealten Haus in den Bergen. „Man lebt beim Schreiben schon ein bisschen wie ein Eremit. Die Figuren des Buches werden zu temporären Begleitern, mit denen man mehr Zeit verbringt als mit seinen Freunden.“ Umso schöner ist es, nach Beendigung eines Buches mit den Freunden zu feiern. Ihr großer Wunsch ist es, eines Tages vom Bücherschreiben leben zu können.

Die Autorin steht für Lesungen mit anschl. Gespräch zur Verfügung.